Samstag, 21. September 2013

Mein Leben als Obdachloser

Puh, ne Weile nichts mehr geschrieben, wird Zeit dass ich mal wieder ein Lebenszeichen von mir gebe.
Seit ich die Farm vor etwa drei Wochen verlassen hab, bin ich mit meinem Auto erst mal kreuz und quer durch Northland gefahren, wieder durch Auckland durch und nach Coromandel. Hab dabei Wanderungen gemacht, Höhlen und Berge gesehen, "alte" Städte wie Russell besichtigt, mit der ältesten Kirche, Kneipe und Tankstelle Neuseelands (nein, das sind drei verschiedene Gebäude), wobei das Alter sind, über die Europäer nur müde lächeln können. Ne Kirche von 1822 zählt bei uns ja als neu.
Aber schon wieder die Landschaft loben wäre langweilig, deswegen erzähl ich heute mal vom Leben im Auto.

Es ist möglich. Es ist nicht immer schön, aber möglich. Ich hab bis jetzt so um die 10 Nächte im Auto verbracht (im Wechsel mit Hostels), teilweise auf Campingplätzen mit solchem Luxus wie Toiletten, ner Küche und warmen Duschen, teilweise auch einfach nur am Strassenrand mit... ähm... nichts. Und ich muss sagen der Genuss hängt stark vom Wetter ab. Wenn es nachts angenehme Temperaturen hat, und morgens die Sonne scheint, steht man auch gerne auf und macht sich einen Kaffee auf dem Campingkocher und frühstückt auf dem warmen Rasen und die Welt ist schön. Wenn es allerdings nachts 3 Grad hat und man morgens um 5 zitternd aufwacht um Jogginghose und Pulli zu suchen und im Schlafsack anzuziehen, oder man nachts das Auto verlassen muss um auf Toilette zu gehen (wobei ich da als Mann den Vorteil hab, dass ich einfach nur die Kofferraumklappe öffnen und mich ein bisschen rauslehnen muss ;-) ) oder es abends und morgens in Strömen regnet, und man den kompletten Umbau von Fahrt- auf Schlafmodus innerhalb des Autos machen muss, dann fragt man sich schon ob das wirklich die 10 bis 15 € wert ist, die man im Vergleich zu nem Hostel spart.
Und es ist eng. Im Fahrtmodus ist der Kofferraum und die halbe Rückbank belegt, was natürlich meine eigene Schuld ist, wenn ich soviel Scheiß mitnehme. Aber ich frühstücke nun mal gerne, und so hab ich unter anderem Milch, Kaffee, Kakao, Muesli, Haferflocken, Rosinen, Brötchen, Toast, Butter, Käse, Schinken, Salami, Quark, Eier, Nutella, Honig, Erdnussbutter, Marmelade, Yogurt, Bananen, Äpfel, Kiwis, Birnen dabei. Und Dosenfutter, Nudeln, Reis, Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln, Musliriegel, Bier, Kartoffelchips... im Moment circa zwei Umzugskartons mit Essen. Und dann noch ne Angelausrüstung, Kochgeschirr, Bücher aus 2nd Hand Läden, Schlafsack, ein Rucksack voller Klamotten, gefundene hübsche Muscheln, eine Tupperdose mit einem eingesalzenen Possumfell... ich kann euch gar nicht sagen wie sehr ich mich schon wieder darauf freue, eine Wohnung zu haben. Mit Regalen! Und Möbeln! Und Platz zum Sachen ablegen UND hinsetzen!

Und so frühstücke ich jetzt grade bei Regen und Orkanböen im Auto. Wettervorhersage von gestern mittag: Den ganzen Tag Sonnenschein. Aber die Wetterwebseite (die offizielle des neuseeländischen Wetterdienstes) wird sowieso nicht so häufig geupdated. Da kann es schon mal passieren dass man um 10 Uhr morgens nachguckt, und bei "Today" steht noch die Vorhersage von gestern. Wahrscheinlich kommt da jeden morgen der Steve, Webdeveloper, ins Büro, macht sich erst mal nen Kaffee, und ändert dann per Hand das aktuelle Datum im HTML-Quellcode. Und wenn er im Stau stand, oder seine Tochter vorher noch zum Hockey fahren musste, oder der Kaffee alle war, dann kommts eben ein bisschen später. Macht ja nix. Stimmt ja eh nie. Ich habe am Anfang den Fehler gemacht, meine Reiseplanung am Wetterbericht auszurichten (am Vortag), und habe deswegen Wanderungen im Regen und wunderschöne sonnige Tage im Auto und in Supermärkten verbracht. Ich mein, ich kann mir vorstellen dass es schwierig ist, das Wetter auf einer windigen Insel mitten im Meer vorherzusagen, aber dann können sie auch gleich ehrlich sein und einfach jeden Tag ein Fragezeichensymbol hinmalen und "Dunno. Lol" schreiben. Dann hat der Steve auch mehr Zeit für seine Tochter.

Oder um die halbe Insel zu fahren um etwas zu kaufen was nicht Essen oder Benzin ist. Ich hab ja meine Kamera fallen gelassen und wollte mir eine neue kaufen. Kamerageschäfte gibt es ungefähr in Auckland und in Wellington. Alle anderen Städte hier haben circa 2000 Einwohner und einen Supermarkt und einen Second Hand Shop. Was Sinn macht, denn neu kann man sich hier eh nichts leisten, bei einem Durchschnittseinkommen 30% unter dem deutschen, aber höheren Preisen für alles bis auf Kiwis und Benzin. Dementsprechend war meine gewünschte Kamera im Laden auch 150 € teurer als in Deutschland, aber ich hab eine Webseite gefunden, die sie zu einem vernünftigen Preis verkauft. Also bestellt, aber am nächsten Tag hab ich eine Email bekommen, dass die Kamera zwar auf der Website noch als verfügbar angezeigt wurde, aber schon ausverkauft ist, weil die Website nur einmal am Tag geupdated wird (Steve? Zweitjob wegen dem geringen Lohnniveau?). Das Geld haben sie aber trotzdem schon mal von meiner Kreditkarte abgezogen, sorry. Bekomm ich dann irgendwann vielleicht hoffentlich zurück (ist jetzt 2 Wochen her).
Also in einen Laden gefahren, auf deren Webseite (jaja, ich sollte mittlerweile wissen dass das ein Fehler ist) sie als verfügbar angezeigt wurde. Ihr ahnt es schon: "Oh, ne, sorry, die gibts nur noch in unserer Filiale in Wellington. Aber kaufen sie doch das Nachfolgemodell". Da ich keine Lust hatte, die nächsten zwei Monate nur Fotos mit dem Handy zu machen, hab ich jetzt also eine Kamera, die teurer war als mein Auto (wen's interessiert: Pentax K50, 18-135 mm WR, 1000 €). Man muss aber zugeben, dass das dem deutschen Preis entspricht und sie wirklich gute Fotos macht. Jetzt muss ich mein eigenes Niveau der Kamera anpassen. Ich würde mir auch gerne noch ein Teleobjektiv kaufen, aber am nächsten Laden komme ich vermutlich erst in 2 Monaten vorbei...